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Beklemmende Kafka-Parabel »Bericht für eine Akademie«


Von der Menschwerdung eines Affen erzählt »Ein Bericht für eine Akademie« von Franz Kafka. Den quälenden Zwiespalt zwischen Triumph und Verlust wusste der Schauspieler Thomas Goritzki am Sonntag im »Salon Voltaire« brillant darzustellen. 

An der Goldküste nehmen Jäger des Tierparks Hagenbeck einen Affen gefangen. Auf der langen Schiffspassage sucht der Affe einen Ausweg aus dem Käfig. Durch Beobachtung der Menschen, die ihn umgeben, durch Nachahmung und Gelehrigkeit schafft er es, dem Käfig zu entkommen. Er lernt zuerst das Ausspucken und das Rauchen, dann zu sprechen; selbst das Trinken, vor dem er lange Ekel empfindet, schafft er irgendwann. Er dressiert sich quasi selbst – und findet seinen Ausweg im Varieté, wo er bejubelt und beklatscht wird.

Tief sitzende Verzweiflung

Doch ist der vermeintliche Triumph der Menschwerdung und die Verleugnung seiner Affen-Natur überschattet von einer tief sitzenden Verzweiflung, die immer wieder durchscheint. Er reflektiert seinen Werdegang aus Menschensicht und wähnt seinen Ursprung überwunden (»Ihr Affentum, meine Herren, kann Ihnen nicht ferner sein als mir das meine«), und doch zieht er trotzig seine Hosen aus, er, der Mensch gewordene Affe, der im Anzug und mit Aktenköfferchen vor den hohen Herren der Akademie erschienen ist: »Ich darf das!« 

Freiheit als Täuschung?

Die Akademie, das ist das Publikum. Er wolle kein Urteil, er wolle nur berichten, so beendet er seinen Vortrag und wirkt, obwohl er doch von einem Sieg kündet, erschöpft und besiegt. Unwillkürlich zieht der Geist Parallelen – vom Umgang des Menschen mit dem Tier, von dem der westlichen Zivilisationen mit Naturvölkern, dem Kampf der Kultur gegen die Natur, der – je nach Blickwinkel – zu Freiheit oder Unfreiheit führt. Der Affe hat erkannt, dass Flucht auf einem Schiff nicht in die Freiheit führen kann, und sucht diese deshalb auch nicht. Und überhaupt: Ist Freiheit nicht allzu oft eine Täuschung, mit der sich die Menschen selbst betrügen? Er habe nur nach einem Ausweg gesucht, wie er weiterkommen kann, berichtet er, und ihn in der Assimilation und der Aneignung von Wissen gefunden. 

Doch zu welchem Preis? Es war so leicht, die Menschen nachzuahmen, er habe erreicht, was er wollte – und doch kann er den Anblick der halbdressierten Schimpansin, die ihm nachts zugeführt wird, bei Tageslicht nicht ertragen, da sie »den Irrsinn des verwirrten dressierten Tieres im Blick hat«.

Zwiespältiges Wesen 

Thomas Goritzki spielte dieses zwiespältige Wesen, das beides zugleich und doch weder das eine noch das andere ist, mit beeindruckender Kraft und Präsenz. Durch Körperhaltung, Gestik und Mimik gab er der Ambivalenz dieser Figur Gestalt. Tief atmend, schwitzend windet er sich um sein Rednerpult, doziert, schreit, philosophiert, rechtfertigt – und schweigt, starrt vor sich hin, fixiert das Publikum mit bohrendem, irritierendem Blick. Eine grandiose Umsetzung von Franz Kafkas Parabel, die an so vielem rührt, was den Menschen auszumachen scheint.

Autor:

Nina Saam

Thomas Goritzki brilliert im »Salon Voltaire« in Kehl    (04.04.2017)